Die kleine Schnecke Frieda

Von Gabriele Wilfing


Frieda ist eine gehäusetragende Schnecke im Garten der Familie Fritz. Hinter dem Kopf befindet sich auf der Sohle ihr muskulöser Kriechfuß. Damit kroch sie eines Tages über die Terrasse der Familie Fritz. Die zwei Buben Leopold und Paul saßen auf den neuen Holzstühlen, welche Mama Fritz erst vor kurzem gekauft hatte. Sie bestand auf natürliches Material und warme Farben.

"Etwas robustes und gscheites!" erklärte sie dem Papa Fritz andauernd und rechtfertigte sich, obwohl dieser gar nichts dagegen hatte.

Die Luft war nach einem Gewitter etwas kühl, und diese angenehmen Temperaturen nach der Hitze, wollte Frieda für eine kleine Nachmittagstour zum Komposthaufen nutzen. Da platzte Mama Fritz ganz plötzlich durch die Terrassentüre und rief: "Wer hat Lust auf warme Nussschnecken?"

Frieda blieb vor Schreck stehen und dachte, sie hätte sich verhört! Die Buben aber antworteten begeistert: "Nussschnecken mmmhhh!" und sie begannen eifrig zu naschen und zu schmatzen.

Für Frieda war es in diesem Moment, als ob kein Vogel mehr zirpte, kein Hund bellte, keine Fliegen und Bienen summten, und überhaupt die ganze Welt still und schmerzvoll den Bach runter ging. Wie konnte das die Familie nur tun? Nussschnecken essen! Schnecken mit Nüssen! Sie war zu Tode betrübt und erkannte ihre eigene Lebensgefahr! Weshalb sie so schnell als möglich verschwinden musste! So schnell als möglich funktioniert bei Schnecken aber nicht. Und so musste sie besonders tapfer und mutig sein, um am eigenen Schneckentempo nicht zu verzweifeln.

Mama Fritz verschwand wieder in der Küche, und während die Buben so auf den neuen Möbeln saßen und ihre Nussschnecken verdrückten, begann der zwölfjährige Leopold zu erzählen: "Weißt du, ich habe bestimmt schon jede Schnecke in der Umgebung abgecheckt, und mir gefällt keine Einzige!" Frieda riss ihre Schneckenaugen weit auf, sofern das überhaupt möglich war, und begann zu zittern. Ihm gefällt keine Einzige! Warum nicht? Was hat das zu bedeuten?

Paul, der um zwei Jahre jünger war, antwortete gelangweilt: "Das interessiert mich überhaupt nicht!"

Aber das war dem Leopold egal und er philosophierte heiter weiter: "Diese Mini ist ja eigentlich eine ganz nette kleine Schnecke, mit ihren roten Haaren und den fünf Sommersprossen, aber viel zu dünn! Da ist einfach nichts dran! Das gefällt mir nicht, wenn so garnichts dran ist."

"Ist mir doch egal!" antwortete Paul, und nahm einen Schluck vom Holundersaft, der vor ihm am Tisch stand. Leopold sprach weiter: "Dem Maxi gefällt es gut, wenn nichts dran ist. Aber er mag es nicht, wenn die Schnecken sich soviel Zeug ins Gesicht schmieren und ihre Haare zu einer Turmfrisur hoch sprayen, nur damit sie ein paar Zentimeter größer aussehen."

 

Frieda hörte jedes Wort und abgesehen davon, dass sie Todesangst hatte, auf der Flucht war und kaum vorankam, war sie jetzt auch noch total verwirrt, denn sie hatte noch nie eine Schnecke mit Haaren getroffen. Sie musste weg! Weg von diesem schrecklichen Ort und alle Schnecken warnen!

Da kam plötzlich Papa Fritz auf die Terrasse, in der einen Hand einen Kaffee und in der anderen eine Nussschnecke. Er setzte sich zum neuen Holztisch und fragte die Buben: "Na, wie schmecken euch die Nussschnecken?" Die Buben meinten: "Ja, eh gut!" Und um das Gespräch zwischen Vater und Söhnen mehr ins Laufen zu bringen, fragte er weiters: "Und? Was gibt es sonst so Neues?"

Paul war der Erste der antwortete: "Leopold nervt mich schon wieder mit seinen langweiligen Schneckengeschichten!" Papa Fritz verschluckte sich, lächelte tapfer und meinte: "Naja. Wird schon noch interessanter werden für dich." Paul schüttelte den Kopf und sagte: "NIE!"

Leopold neckte seinen kleineren Bruder: "Du bist ja nur angefressen, weil die Schnecken in deiner Klasse viel schneller rennen können als du!" Paul zeigte ihm die Zunge und verschränkte bockig die Arme. Doch Frieda horchte auf! Schnecken die rennen können? Wo gibts den sowas?

Der Vater seufzte, tief und ausgiebig. Er trank seinen Kaffee aus, dann wandte er sich mit ernster Miene an seine Buben und sprach ganz leise: "Ich denke ihr seid jetzt alt genug, um das ultimative Schneckengeheimnis zu erfahren." Der Paul rief: "Ach so ein Blödsinn!" Der Leopold spitzte die Ohren.

"Schnecken haben echt Pech gehabt mit uns." begann Papa Fritz. "Rein optisch betrachtet, bringt sie unser Anblick nicht immer aus dem Häuschen. Ich meine Kopf, Rumpf, Arme und Beine, Haare über Haare, überall Haare! Oder das Gegenteil davon!" Paul unterbrach ihn belustigt und meinte: "Du sprichst von dir selbst nicht wahr?" Papa Fritz schüttelte den Kopf und sprach konzentriert weiter: "Sagen wir mal so. Das mit der Behaarung ist eher zweckmäßig. Natürlich. Es gibt Männer, die sich da sehr in Szene setzen können, um die Schnecken zu begeistern."

"Das macht der Maxi immer!" warf der Leopold ein. "Was der immer für ein Angeber ist, sobald ein paar Schnecken zuschauen! Und hundert Mal rennt er aufs Klo um sich die Haare zurecht zu zupfen, damit er ja gut ankommt."

"Aber ein gut aussehendes Mannsbild allein, übt auf die meisten Schnecken dauerhaft keinen Reiz aus. Eine faszinierende Persönlichkeit wirkt anziehend. DAS ist das Geheimnis! Das kann sogar zu viele Haare, fehlende Haare und eine Wampe schöner machen! Dann ist fett nicht mehr fett sondern kuschelig, und eine Glatze nicht kahl sondern männnlich. Ja klar, wer scheunendrescherartig Fast Food in sich reinstopft und hoffnungslos aus den Leim geraten ist, könnte da Schwierigkeiten haben. Aber ausschlaggebend ist die Selbstsicherheit und eigene power! In Zeiten, wo wir kein Mammut mehr erlegen müssen ist der, der über seine Unzulänglicheiten steht, stärker als der, der andauernd Hanteln stemmt um nur optisch einem Idealbild gerecht zu werden. Die Schnecken wollen nicht den Schönsten sondern den Stärksten, der Kopf und Herz benutzt! Und darum hören wir jetzt auch auf, sie als Schnecken zu bezeichnen! Das kommt sicher nicht gut an......"

 

Leider konnte das die Schnecke Frieda nicht mehr hören. Aufgeregt kroch sie weiter und weiter und erzählte allen Schnecken im Garten der Familie Fritz von ihrem angsteinflössenden Erlebnis. Am nächsten Tag staunte Mama Fritz nicht schlecht, als der Salat im Garten komplett zerfressen war. Sie überlegte noch so hin und her, sollte sie gegen die Schneckenplage etwas unternehmen oder nicht.... Aber die restlichen Sommertage waren schneckenarm, wenn nicht sogar schneckenlos. Und so dachte sie sich nichts weiter dabei.